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Dritter Quartalsbericht aus Mae Sot von Annelie Schmitt (weltwärts-Freiwillige)
Einleitung:
Mittlerweile arbeite ich schon seit neun Monaten für Help without Frontiers in Mae Sot.
In den letzten drei Monaten hat sich wieder viel geändert. Die Schulen sind seit Ende März geschlossen und die großen Schulferien haben begonnen. Seitdem helfe ich im Büro und in der Nähwerkstatt aus. Außerdem hatte ich mein fünftägiges Zwischenseminar in Bangkok.
Veränderungen meines Aufgabengebietes in den letzten drei Monaten:
Zwischenseminar:
Vom 15.02.2010 bis 19.02.2010 nahm ich am, von weltwärts vorgeschriebenen Zwischenseminar teil. Dies wurde von der weltwärts Entsendeorganisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ in Bangkok veranstaltet. Um 14:00 Uhr trafen wir uns an der Tridhaksa School. Insgesamt waren wir neun Teilnehmer. Eine Teilnehmerin aus Vietnam, drei Teilnehmer aus China, zwei Teilnehmer von den Philippinen, zwei Teilnehmer aus Thailand und ich. Das Zwischenseminar leiteten Noemi Böken und Angela Ries.
Zuerst haben wir uns einander vorgestellt und uns gemeinsam Themen für die nächsten Tage überlegt. Ziel war unter anderem, die Aufarbeitung der ersten weltwärts Monate, d.h. auf die Themen besonders einzugehen, die uns im letzten halben Jahr am meisten beschäftigten.
Täglich um 08:30 Uhr begann das Seminar. Wir stellten auf Plakaten den Verlauf unseres letzten halben Jahres dar und erklärten danach Hoch- und Tiefpunkte der vergangenen Monate. In kleinen Fotoshows hatte man die Möglichkeit, sein Projekt und seine Tätigkeit im Gastland vorzustellen. Wir haben uns intensiv mit den Entwicklungsphasen des Kindes beschäftigt. Kurze pädagogische Ansätze wurden aufgezeigt und bei Bedarf in Einzelgesprächen mit den Seminarleitern intensiver über die vergangene Zeit im Gastland gesprochen. Wir tauschen auch gegenseitig Unterrichtsmaterialen und Unterrichtsinhalte aus. Insbesondere wurden Spiele und Lieder ausgetauscht, die den meisten Teilnehmern im Laufe des letzten halben Jahres ausgegangen waren. Die Seminarleiter gaben uns weitere Anregungen für Spiele und Lieder in verschiedenen Altersgruppen. Auch auf das Thema Waldorfpädagogik wurde eingegangen, weil Teilnehmer wie ich dabei waren, die keine Waldorfschüler waren und sich mit diesem Thema noch nicht befasst hatten.
Besonders witzig war die halbe Stunde traditionellen Thaitanzunterricht, die jeden Seminartag abschloss. Das Zwischenseminar endete am 19.02.2010 um 13:00 Uhr.
Unterricht in der Naung Bo Deng Schule:
Die letzten Wochen vor den Schulferien, wurde nur noch halbtags unterrichtet, damit sich die Kinder auf die Prüfungen vorbereiten konnten, die jedes Jahr gegen Schuljahresende geschrieben werden.
Auch ich habe bei den Prüfungsvorbereitungen geholfen indem ich die Englischprüfungen für die 1.- 4. Klasse vorbereitet habe.
Die Englischprüfungen sind ordentlich ausgefallen. Natürlich waren auch schlechte Ergebnisse dabei, dafür aber auch viele gute.

Alle meine 4. Klässler werden nach den Sommerferien weiterführende Schulen besuchen und einige werde ich dann wohl gar nicht mehr sehen. Das ist sehr schade, aber auf der anderen Seite ist es gut, dass ihnen eine weiterführende Schulbildung wichtig ist.
Büroaktivitäten:
Jede Woche haben wir ein Treffen aller Freiwilligen von Help without Frontiers, dass die Möglichkeit gibt, sich gegenseitig auszutauschen und über allgemeine Ankündigungen zu sprechen.
Im Büro habe ich die Bücherei, die nach dem Umzug ins neue Büro ziemlich durcheinander war, wieder auf Vordermann gebracht. Ich habe die Regale neu beschriftet und neue Bücher in die Bücherei aufgenommen.
Nähwerkstatt:
Meine eigentliche Aufgabe wäre es gewesen, in den Ferien eine Liste aller Aktivposten zu erstellen. Da die Datenbank zentral abgespeichert ist und der Zugriff auf diese nicht möglich war, konnte ich meine Arbeit nicht fortführen und so landete ich dann in der Nähwerkstatt von Help without Frontiers. Hier besteht meine Aufgabe darin, dem Team bei Kleinigkeiten zu helfen wie Knöpfe annähen und Fäden von den Kleidungsstücken entfernen. Nebenbei lerne ich noch ein wenig burmesisch und alle sind super freundlich und hilfsbereit. Es ist schon anstrengend, da die Hitze mir schon ein bisschen zu schaffen macht. Seit Ende Februar hat sich das Wetter ziemlich geändert wir haben im Moment nämlich die „Hot Season“ und selbst beim Nichtstun schwitzt man. Doch die singenden Näherinnen verbreiten immer gute Laune und deswegen komm ich gerne und helfe.
Unterstützung der Partnerorganisation mit Mitteln des ‚weltwärts’ Programms:
Für zwei Schüler, die jetzt auf die ca. 3 km entfernte weiterführende P’ Yan Daw School gehen werden, konnte ich durch Unterstützung des ‚weltwärts’ Programms ein Fahrrad anschaffen, damit die Kinder den Weg nicht zu Fuß gehen müssen, es ist immerhin um die 39° C heiß. Von dem zu Verfügung gestellten Geld, habe ich auch Knete gekauft. Dabei habe ich vor allem an die Kindergartenkinder gedacht. Sie haben nicht wie die anderen Ordner bekommen und auch das Fahrrad können sie noch nicht benutzen. Als die älteren Schüler gesehen haben, dass der Kindergarten knetet, wollte sie das natürlich auch ausprobieren.

Ich habe also mit allen Klassen einen Tag lang nur geknetet. Und es kamen unheimlich schöne Dinge dabei heraus. Ein Schüler, der sich nur schlecht auf den Unterricht konzentrieren kann und auch etwas langsamer ist als die anderen, hat die schönsten Figuren geknetet. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ein 15 Jähriger noch Spaß am kneten hat.
Interkulturelle Begegnungen und Lernerfolge:
• Picknick mit der Naung Bo Deng Schule:

Am 13.03.2010 haben Eh Mwe, ein Mitarbeiter des Mekong Youth Net (MYN) Teams, der bei uns arbeitet, und ich uns schon um 06:30 Uhr auf den Weg zur der Naung Bo Deng Schule gemacht. Da es schon vormittags so richtig warm werden kann, waren wir schon um 7 Uhr mit den Lehrern, Schülern und ihren Familien zum Picknick verabredet. Von der Schule aus war es nur noch ein kleines Stück bis zum Grenzfluss Moei. Dort haben dann die Eltern der Schüler mit Bambus und einer Plane im Nu ein Verdeck gebaut, das uns wenigstens ein bisschen Schatten spendete.

Danach haben die Spiele begonnen. Wettrennen! Auch die Eltern haben mitgemacht, denn die Gewinner bekamen etwas zu Naschen, Stifte, Radiergummis, Lineale usw. Danach haben wir uns alle beim Baden im Fluss erfrischt. Nachdem mich meine Schüler zuvor schon mehrere Male mit „Teacher „take a bath! “ aufgefordert hatten mit ihnen schwimmen zu gehen, habe ich mich dann doch überreden lassen und es gewagt, wie es sich in Thailand gehört, natürlich mitsamt den Kleidern, die wir anhatten. Danach haben wir zusammen zu Mittag gegessen und uns ausgeruht. An diesem Tag, war ich meinen Schülern so nahe wie noch nie zuvor. So viele helfenden Hände die ich beim Baden gereicht bekommen habe und so viele glückliche Gesichter, wenn ich ihnen meine Hand entgegengestreckt habe, das war wirklich ein ganz tolles Gefühl.
• Schuljahresabschlussfeier der Naung Bo Deng und P’ Yan Daw Schule:
Ende März fanden die Schuljahresabschlussfeiern unserer Schulen statt und ich war bei zwei dieser Feiern dabei. Es wurde viel gesungen, gebetet und viele Dankesreden der Lehrer und Partner von Help without Frontiers gehalten. Ich war ziemlich überrascht, als die jeweiligen Schulleiter sagten, ich solle doch auch eine Rede halten. Ich war natürlich überhaupt nicht vorbereitet und musste improvisieren. Das fällt mir immer noch schwer, auch wenn das in Thailand an der Tagesordnung ist und man ständig spontan einen zweiten Plan aus dem Ärmel zaubern muss. Ich wusste, wie wichtig es ihnen war. Deswegen hielt ich dann auch bei beiden Schulen eine kurze Rede. Es war auf jeden Fall eine Überwindung für mich, vor so vielen Menschen zu sprechen, aber ich bin froh, dass ich mich getraut habe. Was zählt ist nicht die Perfektion, sondern der gute Wille, als ein Zeichen der Wertschätzung. Das nächste Mal kann ich vielleicht schon mit mehr Gelassenheit an dich Sache herangehen.
Anschließend wurden die Schüler geehrt, die eine besonders gute Leistung in den Prüfungen erzielt hatten. Anschließend wurden die Schüler geehrt, die eine besonders gute Leistung in den Prüfungen erzielt hatten. Jedem einzelnen Schüler wurden ein Geschenk und ein Brief überreicht und alle wurden mit großem Applaus gewürdigt.

Am Ende wurde die Nationalhymne der Karen gesungen und abschließend gab es dann noch ein gemeinsames Essen zu dem wir auch eingeladen waren.
• Entwicklungen und Lernerfolge :
Ich habe festgestellt, dass die Kinder insgesamt offener geworden sind, einige haben sogar ganz ihre Scheu gegenüber mir verloren. Vor allem, das wöchentliche Geschichten erzählen macht ihnen großen Spaß. Danach schreibe ich die wichtigsten Vokabeln an die Tafel und mit Hilfe eines Wörterbuchs übersetzen die Schüler dann die Vokabeln in Karen. Auch das singen von Liedern kommt immer gut an.
Ab und zu hört man sie kleine Phrasen auf Englisch vor sich hin murmeln oder ein im Unterricht gelerntes englisches Lied singen. Es ist schön zu sehen, dass etwas hängen bleibt, denn diese Kinder lernen nicht nur in der Schule, sie leben auch dort und mit Schulschluss um drei Uhr, ist der Tag für sie noch lange nicht vorbei. Nach der Schule helfen viele Kinder ihren Eltern auf dem Feld, sammeln Holz, das als Brennmaterial zum kochen verwendet wird oder helfen bei der Zubereitung des Abendessens. Da bleibt nicht viel Zeit um Hausaufgaben zu machen oder das im Unterricht Gelernte zu wiederholen. Deswegen geht alles oft nur sehr schleppend voran. Ich habe mich ihrem Tempo angepasst und wiederhole dementsprechend viel mit ihnen.
Sonstiges:
• Zirkusgruppe SPARK:
Ungefähr einen Monat lang waren 15 Künstler und Künstlerrinnen aus der ganzen Welt an unseren Schulen und sorgten für viel Spaß und staunende Gesichter. Auch ich durfte mir einen Tag die Shows der Truppe ansehen. Es wurde viel gespielt und die Schüler und Schülerinnen waren mit voller Begeisterung dabei. Das Highlight war die Feuervorführung am Abend.
• Umzug des Büros:
Ende Februar ist unser Büro nach Mae Pa, einen Ort außerhalb von Mae Sot, gezogen, da uns das alte Büro zu klein geworden ist und der Mietvertrag auslief. Alle haben mit angepackt und innerhalb zwei Tagen haben wir das ganze Büro umgezogen. Das neue Büro ist um einiges größer und auch die zentrale Küche und die Nähwerkstatt sollen auf dem selben Gelände untergebracht werden. Mae Pa ist ca. 6 km von Mae Sot entfernt. Jeden morgen gibt mir ein Kollege eine Mitfahrgelegenheit zu unserem Büro.
• Songkran:
Vom 13.04 bis 16.04 war in Thailand der größte Feiertag des Jahres. Es wurde das thailändische Neujahr mit viel Wasser gefeiert. Schon die Tage davor wurde man von oben bis unten nass gemacht. Auch das Help without Frontiers Team war am letzten Tag des Wasserfests mit dabei. Mit dem Auto unserer Chefin Ann, 800 Litern Wasser und den Mitarbeitern von Office, Zentralküche und Nähwerkstatt starteten wir von der zentralen Küche zu den Wasserspielen. Es war ein riesen Spaß. Nach zwei Stunden in der Sonne und Eiswasser (viele haben das Wasser mit Eiswürfeln „aufgefrischt“), hatte wir dann aber genug und sind zurück zur zentralen Küche gefahren.
Einblicke in die harte Wirklichkeit:
In letzter Zeit fanden wieder viele Polizeirazzien statt. Ein Dorf, in der Nähe meiner Schule, wurde mitten in der Nacht überrascht und ganze Familien mussten ihre Häuser verlassen und in den Dschungel nach Burma fliehen. Wie die meisten Migranten hier, hatten diese Menschen weder Ausweis noch Aufenthaltserlaubnis oder Arbeitsgenehmigung, welche in Thailand sehr schwierig zu kriegen sind. Die meisten sind aus Burma illegal ausgewandert, um in Thailand Arbeit und Sicherheit zu finden. Unsere Schüler und Lehrer haben wenigstens noch einen Schüler- bzw. Lehrerausweis, der immerhin besser als gar nichts ist, aber noch lange nicht davor schützt, abgeschoben zu werden. Meine Schulleiterin hat mir erzählt, dass auch die Eltern der Schüler in der Naung Bo Deng School Angst haben und deshalb die Nächte auf den Feldern verbringen.
Wie ernst die Situation aber wirklich ist, habe ich selbst mitbekommen, als ich, wie jede Woche meinen Unterricht in der Naung Bo Deng School gehalten habe. Wir hatten gerade Mittagspause, als eine Mutter sich in einem wilden Durcheinander auf Karen mit meiner Schulleiterin unterhielt. Als ich fragte, was denn passiert sei, erklärte mir die Schulleiterin, dass sich viele Eltern und Schüler verstecken oder nach Burma flüchten, weil die thailändische Polizei ganz in der Nähe wäre und auch zu ihrer Schule kommen könnte. Auch die Schulleiterin hatte Angst und ich wusste wirklich nicht was ich gemacht hätte wenn die Polizei wirklich gekommen wäre. Ich weiß ja, dass mir nichts hätte passieren können, aber es wäre schon komisch gewesen, wenn die Polizei auf mich alleine gestoßen wäre. Es muss schrecklich sein, nirgendwo gewollt zu sein und immer damit rechnen zu müssen, abgeschoben zu werden.
Letzte Woche brannte das Haus einer Schülerfamilie ab, während die Familie auf dem Feld arbeitete und die Kinder in der Schule waren. Das Haus befand sich in der Nähe der Naung Bo Deng Schule. Die Familie hat alles verloren, doch Help without Frontiers hat schon mit der Unterstützung begonnen indem sie Bambus und andere Baumaterialen zu Verfügung stellen, die zum Wiederaufbau des Hauses benötigt werden. Außerdem spendete HwF der Familie ein Notfallset das aus Moskitonetzen, Decken, Liegematten Kleidern und Nahrungsmittel bestand, denn die Regenzeit steht vor der Tür und die fünfköpfige Familie braucht ein Dach über dem Kopf.
Ausblick
Die nächsten Wochen werde ich im Büro mithelfen und wahrscheinlich auch bei den Sommertrainings für unsere Schüler dabei sein, die nächste Woche anfangen. Anfang Juni werde ich dann meinen Unterricht in der Naung Bo Deng Schule fortführen, auf den ich mich jetzt schon freue.
Mae Sot, Thailand, den 30. April 2010
Annelie Schmitt
Kommentare
Juliane Freund
schrieb am 26.05.2010 um 16:51:41
Liebe Annelie, vielen Dank für Deine detaillierten Ausführungen über Deine Arbeit und über die Situtation im Land. Ich bewundere Dich, wie Du das alles so händelst. Große Klasse, da kannst Du sowie Deine Eltern mächtig stolz sein. Hochachtung! Du hast mit dieser Aufgabe Erfahrungen gesammelt, welche Dich Dein ganzes Leben lang begleiten und Dir beim Meistern von vielen Problemen helfen wird. Sei herzlich gegrüßt Juliane Freund






Bettina Fischer
schrieb am 26.05.2010 um 19:18:54
Hallo Annelie, schön wieder von Dir zu lesen! Interessiert verfolgen wir die Berichte über Deine Arbeit in Thailand. Toll! Wir wünschen Dir noch einige schöne Monate und freuen uns auf ein Wiedersehen in Marlach! Liebe Grüße Bettina, Lothar, Lena und Nils aus der Heimat
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