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1. Quartalsbericht

18.05.2011 | Von: Mikis da Silva
Kategorie: Helfen ohne Grenzen - Weltwärts

Einleitung:
Ich bin nun schon drei Monate in Thailand. Drei Monate voller Erfahrungen und Eindrücke.
Ich befinde mich seit Ende September in der thailändischen Grenzstadt zu Burma „Mae-Sot“.
Hier bin ich im Einsatz für die Organisation „Help without Frontiers Thailand Foundation“ (HwF) und unterrichte an zwei Schulen Englisch.
 
Erste Eindrücke
Als ich hier angekommen bin, wusste ich schon einigermaßen Bescheid über die Situation der Menschen hier. Aber als ich mich dann richtig eingelebt und eingearbeitet habe, ist mir Einiges erst richtig klar geworden. Mae-Sot ist für mich auch mehr Burma als Thailand. Hier leben fast ausschließlich Menschen aus Burma. Viele Karen, Shan und Burmesen. Die Situation der Burmesen in Thailand jedoch ist nicht sehr gut. Die meisten hier lebenden Burmesen sind illegal in Thailand oder haben einen temporären Pass. Deswegen bekommen sie keine gute Arbeit und können sich außerhalb von Mae-Sot auch nicht frei bewegen, da in den Bergen von der umliegenden Region „Tak“ immer Polizeikontrollen sind, und wenn die Polizisten einen Burmesen ohne Papiere erwischen, wird er in fast jedem Fall abgeschoben oder ins Gefängnis gesteckt. Im schlimmsten Fall erwartet ihn beides und eine ungewisse Zukunft.
An vielen Plätzen hier werden die Burmesen unter sklavenähnlichen Zuständen gehalten. Menschenhandel ist hier ein gutes Geschäft. In besseren Fällen können die Menschen in Restaurants, Bars, Fabriken oder als Gärtner arbeiten und sind eigentlich frei, werden jedoch so schlecht bezahlt, dass sie auf jeden Pfennig achten müssen. Sie wohnen dann meist in den Restaurants oder Bars und bekommen dort auch zu Essen aber dennoch ist der Lohn, den sie für die harte und lange Arbeit bekommen selbst für thailändische Verhältnisse mehr als unangemessen.
Auch auf den Baustellen hier arbeiten ausschließlich Burmesen. Bis zu 12 Stunden am Tag müssen sie unter unzumutbaren Umständen äußerst harte Arbeit verrichten, und bekommen im allerbesten Fall 100 Baht am Tag, was zu dem momentanen Kurs um die 2,50 € ist.
Mir ist das Leid der vielen Burmesen hier erst richtig klar geworden, als ich es mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen habe. Sie werden hier für so genannte „3-D Jobs“ eingesetzt. (Dirty, Dangerous & Difficult). Es ist bemerkenswert wie zäh diese Menschen sind und wie sie mit dieser extremen seelischen und körperlichen Belastung umgehen.
In dem kurzen Zeitraum, seit dem ich mich hier befinde, habe ich so viele Erfahrungen gesammelt, wie ich sonst noch nie in meinem Leben. Ich werde jede einzelne wie ein Foto sehen, das ich mir in mein Album klebe - und das Album wird von Tag zu Tag dicker.
Eigentlich ziemlich direkt nach meiner Ankunft ist hier etwas passiert, was mich wirklich aufgerüttelt hat. Es ist um die ganze Welt gegangen. Am 07.11.2010 waren die ersten Wahlen in Burma seit 20 Jahren. Es war natürlich eine unfaire und zu 100 % vorbestimmte Wahl, und das hat die „DKBA“ ,eine Rebellenarmee dazu veranlasst, die „SPDC“, die Armee der Regierung, anzugreifen. Die DKBA will der SPDC auch nicht die Macht an den Grenzposten überlassen. Und so kam es, dass es um 9:00AM Ortszeit losging. Und zwar genau bei uns, in Myawaddy, der Nachbarstadt, auf der anderen Seite des Flusses. Zehntausende Flüchtlinge sind innerhalb von kürzester Zeit zu uns nach Mae-Sot gekommen. Aus erster Hand konnte ich dann das Geschehen erleben. Die Granaten und Schüsse waren nicht zu überhören. Die Kämpfe dauerten einige Tage an und legten sich dann wieder. Jedoch blieb die Spannung noch vorhanden. Die Kämpfe um die Grenzmacht zwischen der DKBA und der SPDC gehen weiter. Nun weiter nördlich von Mae Sot. Es hat den Anschein, dass es einfach kein Ende nehmen will mit der Gewalt in Burma. Seit mehr als 60 Jahren terrorisiert die militärische Junta das Volk. In meinen Schulen habe ich auch lange Diskussionen mit den Schülern über dieses Thema gehabt.
 
Meine Arbeit bei „HwF“
Die Arbeit hier an den Schulen gefällt mir sehr gut. Die Schule, an der ich am meisten unterrichte, ist die „LDF-School“. Die Kinder und auch Lehrer dort sind mir so dermaßen ans Herz gewachsen. Besonders die Kinder. Ich freue mich sehr, dass sie durch mich so viel Spaß haben und ich ihnen durch das Englisch, das ich ihnen beibringe eine Tür öffnen kann. Durchgehen müssen sie dann jedoch selber, und viele von ihnen passen auch noch nicht durch die Tür. Sollten sie das nach meiner Abreise immer noch nicht tun, müssen sie von sich aus das Engagement aufbringen um weiter zu lernen. Den Anstoß gebe ich ihnen. Sie sind auch diejenigen, die mir das meiste Burmesisch beibringen.
Jedesmal, wenn ich in der Schule ankomme, sehen mich die Kinder schon von Weitem und rennen heraus, um sich an meine Beine zu hängen, meine Hände zu nehmen oder mir auf den Rücken zu springen. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Draht zu ihnen so gut aufbauen konnte. Die Kinder sind aber nicht nur so toll, weil sie so lieb sind, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu den meisten deutschen Schülern echt lernen wollen.
Wenn ich vorne stehe in der Klasse, und meinen Unterricht mache, hören sie mir alle mit gespitzten Ohren und geschlossenen Mündern zu. Und ihr Engagement ist ist riesengroß. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen und Klassenclowns, aber die halten sich doch sehr zurück, was ich sehr wertschätze. Meinen Unterricht gestalte ich immer mit viel Spaß dabei. Oft bereite ich etwas vor, wie zum Beispiel einen Familienstammbaum, bei dem sie dann bestimmen sollen, wer wie mit wem in Verbindung steht, und dafür kalkuliere ich dann 30 Minuten ein, und anders als erwartet, sind sie dann schon nach 15 Minuten fertig und ich muss improvisieren. Zu Anfang musste ich sehr viel improvisieren, weil ich immer falsch kalkuliert habe, aber inzwischen habe ich fast immer so etwas wie einen „Notfall-Plan“ oder ein Spiel, das wir dann zusammen spielen. Auch spiele ich gerne Galgenraten mit ihnen. Dafür nehmen wir meistens die Wörter, die wir am jeweiligen Tag gelernt haben, und wiederholen sie gemeinsam an der Tafel beim Galgenraten.
Wir üben auch Konversationen. Dinge wie: „Wie alt bist du?“ „Ich bin zwölf Jahre alt, und du?“ In der Art. Sehr einfache und hilfreiche Konversationen, die von Mal zu Mal auch anspruchsvoller werden.
Die Kinder zeigen wirklich eine außergewöhnliche Lernbereitschaft und erweisen mir eine Menge Dankbarkeit. Auch ihr Pflichtbewusstsein ist nicht von schlechten Eltern. Wird gegessen am Mittag, räumen die Kinder – und selbst die kleinsten – alle selbstständig die Bänke weg, fegen den Boden, waschen die Teller.
Außerhalb der Schule arbeite ich noch im Büro der „Help without Frontiers Thailand Foundation“. Hier bereite ich die Dinge für meine Schule vor. Arbeitsblätter, Spiele oder einfach Inspirationen aus dem Internet. Es gibt hier auch Bücher mit Geschichten, von denen ich manchmal den Kindern eine vorlese und sie anschließend dazu befrage, um ihren Wortschatz oder ihr Erinnerungsvermögen zu testen. Außerdem gibt es hier Bastelbücher, aus denen ich mir ab und zu auch gerne Ideen hole, um mit den Kindern etwas Schönes zu fertigen.
Hier habe ich mich auch schnell mit den Kollegen angefreundet und auch mit der 2. Freiwilligen „Annelie“, die ich ja in Deutschland schon einmal kennengelernt habe, komme ich sehr gut aus und wir machen in unserer Freizeit auch viel gemeinsam.
 
Freizeit Aktivitäten
Außerhalb der Arbeit bin ich auch viel unterwegs und erkunde die Stadt und die Szenerie drumherum. Mit Freunden mache ich auch manchmal einfach Trips nach irgendwo. Da setzen wir uns ins Auto oder in die Ladefläche und fahren einfach immer der Nase nach. Kommt ein Platz, der uns gefällt, halten wir an und picknicken.
Meine Freizeit ist jedoch seit den letzten vier Wochen innerhalb der Arbeitswoche recht begrenzt, da ich mir außerhalb von „weltwärts“ und den Büroaktivitäten noch eine weitere Schule am Abend zugelegt habe. Ein Freund von mir geht jeden Abend zur Englischklasse, und bat mich einmal mit ihm mit zu kommen, um mit den Schülern ein bisschen in Englisch zu reden. Dort waren 10 burmesische junge Männer und Frauen, die so engagiert waren zu lernen und sich jeden Abend nach der harten Arbeit in die Englischklasse begeben-meist zu Fuß- da meinte ich, ich würde doch ab jetzt auch öfter kommen. Der Lehrer ist auch ein ganz lieber Mann, der eine riesen Geschichte zu erzählen hat, da auch er unglaublich schreckliche und harte Erfahrungen machen musste in seiner Vergangenheit. Und die Schüler sind auch so lustig und lernbegeistert, da konnte ich nicht anders, als dem Lehrer schließlich anzubieten ihn in seiner Lehrtätigkeit, so gut ich kann zu unterstützen. So kam es, dass ich nun auch noch nach der Arbeit (ca bis 17 uhr) auch noch täglich in der Abendschule unterrichte (19-21 Uhr). Aber ich will mich hier keineswegs beschweren, denn erstens bin ich hier im Einsatz als Freiwilliger und zweitens macht es mir unglaublich Spaß, auch noch abends mit den Leuten zu arbeiten. Einige haben auch schon ein verhältnismäßig echt gutes Englisch.  Auch konnte ich in dem Lehrer und einigen Schülern neue Freunde finden, mit denen ich auch meine Freizeit gestalte. Hier bin ich also jeden Abend und mache nochmal ein bisschen Unterricht. Allerdings ist der Unterricht hier nicht mit dem in der Schule zu vergleichen. Hier habe ich keine Tafel und wir sitzen auch einfach alle an einem Tisch und reden. Meistens suchen der Lehrer und ich uns im Vorraus ein Thema aus, und über das reden und/oder schreiben wir dann gemeinsam. Auch habe ich mit ihnen Gedichte geschrieben oder kleine Reime. Wir haben sehr viel Spaß gemeinsam und sie sind sehr froh, dass sie eine Möglichkeit bekommen ihr Englisch zu verbessern, einfach nur damit in Englisch zu kommunizieren.
Hier ist eine ungespielte Dankbarkeit extrem zu merken. Ich habe das Gefühl, ich habe das gar nicht verdient, dass sie sich so doll bedanken, für etwas, was ich doch gerne tue. Das habe ich ihnen auch gesagt, und sie haben nur gelacht.
Wenn ich mich außerhalb von Mae-Sot aufhalte, habe ich nach ein, zwei Tagen schon richtiges Heimweh. Wenn ich wieder zurück in Mae-Sot bin, denke ich mir richtig „Mensch, endlich wieder zuhause, wo mich die Leute kennen, ich mich auskenne und wo ich und meine lieben Kinder zuhause sind.“
 
Zwischenseminar
So ging es mir auch letzten Monat, als ich für 5 Tage in Ayutaya, einem Vorort von Bangkok an einem Zwischenseminar teilnehmen musste. Das Seminar war echt langweilig und nicht hilfreich, da sie jedes Thema immer nur angeschnitten haben und gar nichts zu Ende geführt haben,  und ich habe die Stunden gezählt, bis ich wieder in der Heimat war. Nichts was besprochen wurde, war hilfreich oder etwas, was ich noch nicht wusste. Das Seminar an sich war zwar auch nicht besonders gut gestaltet, aber andererseits war es auch von einer Organisation, die ihre ganzen Freiwilligen zu dem Seminar geschickt hat. Ich war der einzige in dem Seminar, der nicht zu der Organisation gehörte, aus Gründen des Timings. So wurden zum Beispiel Probleme in der Gastfamilie etc. besprochen, aber ich, als Freiwilliger von „HwF“ wohne zum Beispiel gar nicht in einer Gastfamilie und bin auch kein Teacher Assistant. Die komplette Situation von den anderen Teilnehmern und mir war nicht zu vergleichen. Aber auch die anderen Teilnehmer waren sehr unzufrieden, da die Seminarsführung sehr chaotisch ablief und auch Wert auf die falschen Dinge gelegt hat.


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